Vorbemerkung: Mit Albert Hartl verbindet mich einiges. Wir haben beide die ersten vier Jahre der Volksschule Hofkirchen (heute Gemeinde Taufkirchen/Vils) besucht.  Ich allerdings vier Jahrzehnte nach ihm. Wir haben beide vor demselben Altar ministriert. Wir wurden beide auf Empfehlung des Ortspfarrers in ein kirchliches Internat geschickt. Er zuerst  ins Benediktinerkloster Schayern und anschließend ins Knabenseminar Freising, wo er auch als strebsamer und sehr angepasster Schüler das Abitur machte. Auch ich "durfte" das sog Kraut in Freising, wie die Einrichtung von allen Zöglingen despektierlich genannt wurde, für wenige Jahre besuchen, bevor ich aus der Einrichtung wieder entfernt wurde. Über einen Geistlichen, der aus meiner Nachbarschaft stammte, bin ich auf die Person Hartl gestoßen. In Hofkirchen konnte sich niemand mehr an ihn erinnern.

 

Albert Hartl, geboren am 13. November 1904 in dem Samerbergdorf Roßholzen, kam mit seinen Eltern 1910 nach Unterhofkirchen, wo der Vater eine Lehrerstelle anzutreten hatte. Dort freundete sich der kleine Albert mit einem der Bäckerkinder an. Dieser machte sich später als Josef Martin Bauer einen Namen als Schriftsteller ( z.B. "So weit die Füße tragen"). Zusammen mit seinem Kinder-und Jugendfreund Bauer wurde er vom Dorfpfarrer in das Internat Schayern und anschließend in das Knabenseminar Freising geschickt. Dort machte er 1923 das Abitur, studierte katholische Theologie und erhielt 1929 die Priesterweihe. In den Jahren 32/33 war er Präfekt am Freisinger Knabenseminar. Ein Seminarist berichtete später: "Beim Morgenstudium, unmittelbar vor der Heiligen Messe,  hat Präfekt Hartl, breit aufgeschlagen und für jeden sichtbar, den Völkischen Beobachter als Vorbereitung gelesen." Zum Eklat kam es, als Präfekt Hartl seinen vorgesetzten Direktor Roßberger wegen einer Äußerung im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand denunzierte. Auch wenn der Ablauf nicht  im Detail geklärt ist, führte der Vorfall zum Bruch Hartls mit der katholischen Kirche. Roßberger wurde verhaftet. Hartl, inzwischen Mitglied der NSDAP, trat aus der katholischen Kirche aus und wurde auf Empfehlung Himmlers in die SS aufgenommen.

Hartl wechselte vom Schwarz der Soutane zum Schwarz der SS-Uniform. Die enge Beziehung zu Himmler sollte sich für den abgefallenen Priester auszahlen. Seine erste Stellung bekam er im SS-Hilfswerkslager Schleißheim, wo 1400 österreichische SS-Leute kaserniert waren. Bereits ein Jahr später übertrug man ihm  die Leitung der Gruppe "Konfessionell politische Strömungen in der Zentralabteilung "Weltanschauliche Gegner" beim Reichssicherheitshauptamt ( RSHA) in Berlin, der Terrorzentrale des Deutschen Reiches. Seine Aufgabe war es, zu hohen kirchlichen Würdenträgern Verbindungen aufzubauen, diese auszuhorchen und sie, wenn möglich zu erpressen. Als Sturmbannführer der SS war er Reinhard Heydrich unterstellt, dessen frühere Geliebte, Marianne Schlüter-Stolle, er 1936 heiratete. Hartl sollte auch in Sachen Ermordung von Behinderten vorbereitend aktiv werden. Dabei ging es darum, zu eruieren, wie sich die beiden großen Kirchen zur geplanten Aktion verhalten würden. Als man zu der Einschätzung kam, die Kirchen würden sich in der Angelegenheit nicht allzu sehr aus der Deckung begeben, startete man die "Aktion T4" im Herbst 1939, die zur Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen führte.

Im März 1938 rückte Hartl als Angehöriger eines Einsatzkommandos in Österreich ein. Aufgabe dieser Einsatzkommandos war, den Anschluss Österreichs an das Reich durch Terror gegen Oppositionelle abzusichern. Schon in den ersten Wochen wurden über 70 000 Personen verhaftet. Sie verschwanden in den Gefängnissen und Verliesen der Gestapo, manche für immer.

Drei Jahre später war SS-Sturmbannführer Hartl Leiter der Amtsgruppe IV B im Reichssicherheitshauptamt und somit der unmittelbare Vorgesetzte von Adolf Eichmann. Zu Beginn der vierziger Jahre musste sich Hartl einem SS-Disziplinarverfahren unterziehen, weil er angeblich eine Volksgenossin sexuell belästigt haben soll. Jedenfalls schickte man ihn 1942 zu den Einsatzgruppen in die Ukraine, wo er bis Mitte 1943 blieb und bestens informiert war über die Massaker von SS, SD und Wehrmacht an der jüdischen Bevölkerung. Nach dem Krieg bestritt er, an diesen Verbrechen unmittelbar beteiligt gewesen zu sein. Gegen Ende seines Einsatzes soll er einen Nervenzusammenbruch gehabt haben und anschließend für die neugeschaffene Gruppe "Kult" (SD Ausland) im RSHA tätig gewesen sein. In diesem Zusammenhang arbeitete er im besetzten Rom eng mit dem Nazi-Bischof Hudal zusammen

Hartl wurde im Mai 45 von britischen Soldaten in Kärnten verhaftet und wieder auf freien Fuß gesetzt. Am 26. Mai nahmen ihn Agenten  der amerikanischen militärischen Spionageabwehr fest und unterzogen ihn einem umfangreichen Verhör. "Hartl erbot sich danach, für die Vereinigten Staaten gegen die Kurie (Vatikan) zu spionieren. Er brauche dazu lediglich ein Budget, Personal und einen Arbeitsvertrag über mehrere Jahre. Der abschließende Bericht über seine Vernehmung bescheinigte Hartl "eine eindeutige emotionale und psychische Störung, die an Abnormität grenzte". (Zit. nach "Die Spione des Papstes" von Mark Riebling, München 2015, S.316f)

 Im Unterschied zu anderen Naziverbrechern nahmen die US-Dienste das Angebot Hartls nicht wahr.

Wie ging's weiter mit Albert Hartl?

In späteren Jahren betätigte er sich schriftstellerisch bei der Sekte der Unitarier und starb am 14. Dezember 1982.

Wer sich detaillierter mit Hartl beschäftigen will, kann sich an mich wenden. (Tel. 080813987)